«Kinder sind für gleichgeschlechtliche Paare ein grosses Bedürfnis»

«Kinder sind für gleichgeschlechtliche Paare ein grosses Bedürfnis»

EmmaLife 18.06.21 Ø 4 Min. Lesezeit

Kann man als gleichgeschlechtliches Paar eine Familie gründen? Aber natürlich! Im Interview mit Rahel Calandra sprechen wir über ihren Weg zum erfüllten Kinderwunsch, die Suche nach einem Samenspender, ihr heutiges Leben als Regenbogenfamilie und das Thema Vorsorge bei gleichgeschlechtlichen Paaren.

Wo habt ihr euch kennengelernt?
Wir sind eine der sogenannten Erfolgsgeschichten der Dating-App Tinder. Noémie war per Zufall ein Wochenende in Zürich. Ursprünglich kommt sie aus der Romandie. Wir waren beide gerade auf Tinder aktiv und glücklicherweise hatten wir einen Match. Wir haben uns sehr bald getroffen – danach war schnell klar, dass wir zusammen sein wollen.

Und wie lange seid ihr nun bereits ein Paar?
Wir sind seit bald sechs Jahren zusammen.

Ihr habt eure Partnerschaft kürzlich eintragen lassen – warum?
Wir wollten beide schon immer heiraten – es war uns ein Anliegen, uns gegenseitig das Ja-Wort zu geben und damit “ja” zu einer gemeinsamen Zukunft zu sagen. Zudem wussten wir schon bald, dass wir eine Familie gründen wollten, und da war die Eintragung ein logischer Schritt für die gegenseitige Absicherung. Eigentlich hatten wir gehofft, dass bis dahin die Ehe für alle bereits Realität ist, aber leider war dem nicht so und ich wurde dank einer Samenspende schneller als geplant schwanger.

Profitiere vom LGBTQ+ Special! 

Jetzt abschliessen und von CHF 100 Cashback profitieren!

Seit dem 12.05.21 seid ihr nun eine Familie mit eurem Sohn Louie. Wie seid ihr das Thema Samenspende angegangen?
Wenn ein lesbisches Paar in der Schweiz ein Kind bekommen will, muss es einen willigen Mann - einen sogenannten Privatspender - finden oder in ein Land reisen, in dem die sehr teure und komplizierte Samenspende für Frauenpaare erlaubt ist. Eine Samenspende oder die Adoption eines Kindes ist in der Schweiz nicht möglich. Wir haben uns lange Gedanken dazu gemacht, alle Optionen mehrmals abgewogen und uns am Ende für einen privaten Samenspender entschieden, obwohl auch das einige Risiken birgt.

Warum?
Die Situation ist für alle Beteiligten schwierig, weil es in der Schweiz keine rechtliche Basis für private Samenspenden gibt. Theoretisch könnte der Spender plötzlich Ansprüche auf die Vaterschaft erheben. Noémie und ich könnten ihn auf Unterhalt verklagen. Aber auch, wenn Noémie mich verlassen würde: Ich wäre auf mich allein gestellt und hätte keine Ansprüche auf Unterhalt für Louie. Und für Louie ist es schwierig, weil er bisher nur als mein Kind anerkannt wird – stösst mir etwas zu, könnte die KESB Noémie ihren Sohn wegnehmen und bei meinen Eltern oder sogar in einer Pflegefamilie unterbringen – Noémie hat vor der Adoption also keine Rechte.

Habt ihr denn keine vertraglichen Abmachungen getroffen?
Doch – nur mit fehlender gesetzlicher Grundlage ist die sogenannte “Samenspendervereinbarung”, die wir mit unserer Anwältin erarbeitet haben, vor Gericht nichtig.

Wie habt ihr euch für einen Spender entschieden?
Der Samenspender von Louie ist ein guter Freund von uns – er und seine Frau haben sich entschieden, uns dieses Geschenk zu machen. Sie beide haben ebenfalls Kinder. Wir sind froh, dass wir so unter Umständen eine Identitätskrise bei Louie verhindern können, weil wir den Spender kennen und er ihn jederzeit kontaktieren und sehen kann. Gleichzeitig haben wir uns mit dem Samenspender geeinigt, dass er keine Vaterrolle einnehmen wird.

Wie hat euer Umfeld reagiert, als ihr von der Samenspende und der Schwangerschaft erzählt habt?
Unsere Familien wissen schon länger über unsere Familienwünsche Bescheid und die Reaktionen waren, auch in der erweiterten Familie, durchwegs positiv. Auch unsere Freunde und unser Umfeld haben alle positiv reagiert – wäre das nicht so, wären sie wohl nicht unser Umfeld (lacht).

Wie funktioniert das mit der Samenspende?
Bei uns war es so, dass der Samenspender an meinem fruchtbaren Tag, den ich mittels Ovulationstest ermittelt habe, bei uns war. Seine Samenspende haben wir mit Hilfe einer Inseminationsspritze bei mir eingeführt. Das ganze Vorgehen war zwar wenig romantisch, aber hat dafür gleich beim ersten Mal funktioniert. Man nennt diese Methode übrigens “Bechermethode”.

Ich kann mir vorstellen, dass unter sterilen Umständen die Chancen noch höher stehen - warum habt ihr euch dabei nicht helfen lassen?
Da in der Schweiz die Samenspende für gleichgeschlechtliche Paare nicht erlaubt ist, darf auch kein:e Gynäkologe:in uns dabei helfen, darum haben wir dies selbst gemacht.

Wie habt ihr überhaupt entschieden, dass du das Kind austrägst?
Das war eigentlich von Anfang an klar – Noémie sieht sich zwar als Mutter, konnte sich aber nicht vorstellen, ein Kind in sich heranwachsen zu haben. Ich hingegen habe mir das schon immer gewünscht und konnte mir auch die Geburt gut vorstellen.

Profitiere vom LGBTQ+ Special! 

Jetzt abschliessen und von CHF 100 Cashback profitieren!

Wird Louie vom Staat als euer beider Kind anerkannt?
Nein, offiziell werde nur ich als Mutter anerkannt. Noémie hingegen wird rechtlich nicht anerkannt, deshalb wird sie, sobald Louie ein Jahr alt ist, das Verfahren zur Stiefkindadoption starten. Bis dahin sind wir als Familie nicht abgesichert. Je mehr wir uns mit dem Thema beschäftigt haben, desto mehr haben wir erkannt, dass die Schweiz gleichgeschlechtlichen Paaren nicht zutraut, eine Familie zu sein.

Abgesehen davon hat Louie als einziger in unserer dreiköpfigen Familie meinen ledigen Nachnamen - da er nur als mein Kind anerkannt wird und ich Noémies Nachnamen bei der Eintragung angenommen habe. Wir werden also auch eine Namensänderung durchführen müssen, damit wir mit unserem Kind in den Urlaub können, ohne dass es Schwierigkeiten gibt.

Wie ist euer Leben heute als Regenbogenfamilie?
Da Louie erst einen Monat alt ist, können wir dir dazu noch nicht viel erzählen, ausser: Es ist wunderschön.

Wie verteilt ihr eure Aufgaben und Rollen im Alltag?
Das ist bei uns eigentlich aktuell ziemlich ähnlich wie bei einem heterosexuellen Elternpaar. Ich kümmere mich um Louie und habe Mutterschaftsurlaub und Noémie hat nach drei Wochen “Vaterschaftsurlaub” wieder angefangen zu arbeiten. Wir sind sehr dankbar, dass Noémies Arbeitgeber so offen war und ihr diese Zeit mit uns ermöglicht hat. Ich würde also sagen, irgendwie sind die Rollen schon fast klassisch verteilt (lacht).

Die Ehe für alle kommt im September vor das Volk – wie steht ihr dazu?
Natürlich hoffen wir, dass, wenn es dann - hoffentlich bald - soweit ist, vor dem Volk auch angenommen wird, wobei wir wirklich davon ausgehen. Dann werden wir unsere eingetragene Partnerschaft in eine Ehe umschreiben lassen.

Als gleichgeschlechtliches Paar seid ihr in Sachen Vorsorge nicht mit heterosexuellen Paaren gleichgestellt. Wie habt ihr vorgesorgt?
Wir haben eigentlich nicht vorgesorgt (lacht). Mein Vater ist Treuhänder und kennt sich eigentlich sehr gut mit Vorsorgethemen aus, aber wir haben es bisher einfach zu stark vernachlässigt. Jetzt, wo Louie da ist, werden wir uns intensiver mit dem Thema befassen, da wir als gleichgeschlechtliches Paar einiges weniger an Absicherungen geniessen als heterosexuelle Partner.

Wo werdet ihr euch zum Thema Vorsorge informieren?
Hauptsächlich online und über meinen Vater.

Habt ihr schon einmal über eine Todesfallversicherung nachgedacht?
Ja, ich habe eine Todesfallversicherung bei der Mobiliar, die im Todesfall ein Kapital an Noémie auszahlt. Ich sollte allerdings auch diese nochmals prüfen und schauen, dass wir uns gegenseitig versichern. EmmaLife scheint spannend zu sein, da ihr euch mit LGBTQ-Themen auseinandersetzt und viele Informationen online verfügbar sind.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft von gleichgeschlechtlichen Paaren?
Eigentlich wünschen wir uns nur eines – dass kein Unterschied mehr gemacht wird, weder in rechtlichen noch in sozialen oder gesellschaftlichen Aspekten. 

Portrait

Rahel (29) und Noémie (36) Calandra leben in einer eingetragenen Partnerschaft und haben ein gemeinsames Kind aus einer privaten Samenspende. Die beiden leben zusammen mit ihrem Sohn Louie Ray in Adliswil, ZH.

EmmaLife Todesfallversicherung

  • Sichere deine Liebsten finanziell ab
  • In wenigen Minuten Prämie berechnen und Antrag stellen
  • 100% Online
  • Jährlich kündbar
  • Bis CHF 2'000'000 Versicherungssumme