“Ob es naiv ist? Mit jeder Garantie. Ob es mir Angst macht? Nein.“

“Ob es naiv ist? Mit jeder Garantie. Ob es mir Angst macht? Nein.“

EmmaLife 29.07.21 Ø 5 Min. Lesezeit

Beruf, Familie, Diversität, Inklusion – Sarah Steiner, Mitbegründerin von Tadah, setzt sich für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein und kennt die Chancen, aber auch die Risiken von verschiedenen Arbeitsmodellen – wir haben uns mit ihr als Unternehmerin, Lebensgefährtin, Mutter und Mensch über das Thema Vorsorge unterhalten und einmal eine ganz andere Sichtweise kennengelernt. 

Sarah, du bist Unternehmerin, Lebensgefährtin und Mutter – erzähl mal.
Ja und nein. Ich bin nicht nur Unternehmerin, ich bin Gründerin. In Teilzeit. Im Jobsharing. In Zeiten einer Pandemie. Mit viel Verantwortung, inmitten einer strategisch wichtigen Phase unseres Unternehmens. Ich bin nicht nur Lebensgefährtin, ich habe den Anspruch auch Partnerin zu sein. Und das gerne nicht nur in Teilzeit. Und vor allem nicht im Jobsharing. In Zeiten der Selbstständigkeit und Selbstverwirklichung aber nicht immer perfekt umsetzbar. Und ich bin nicht nur Mutter, ich bin auch Mensch. Und das in Vollzeit. Mit einem Umfeld und Netzwerk, sprich mit Freunden, für die ich gerne immer alles gebe. Mit einem Pferd, das viel Zeit in Anspruch nimmt. Mit dem Anspruch an mich selbst, vor allem eines zu sein: glücklich. Wie all das vereinbar ist? Wie viele Stunden mein Tag hat? Fragen, mit denen ich viel konfrontiert werde und auf die ich keine abschliessende Antwort habe. Ausser vielleicht die, dass ich alles, was ich tue mit Herzblut mache. Keine halben Sachen. Kein grau - nur schwarz/weiss - was wiederum für ganz viel Farbe sorgt. 

Wie lange bist du mit deinem Partner Christian bereits zusammen?
Seit 13 Jahren. Jetzt musste ich tatsächlich rechnen respektive das Internet um Rat fragen, wann die EM in der Schweiz war. Wann dieser Sommer war - der endlos war, in dem alles möglich schien und schliesslich war. Ohne Verpflichtungen gingen wir - oder besser: ich - durchs Leben. Denn Christian war in einer ganz anderen Lage - 14 Jahre älter als ich, bereits einmal verheiratet mit zwei Kindern. Es hielten mich wohl viele für nicht ganz bei Sinnen. Ich bin froh, war und bin ich genau das wahrscheinlich nicht. 

Seid ihr verheiratet?
Nein. 

Warum nicht? 
Weil es keinen Grund gibt, das zu sein. Weil ich nicht an die Institution der Ehe glaube. Ich keinen Ring brauche, der mich bindet. Kein gesellschaftliches Ritual brauche, um zu wissen, dass ich mit dem richtigen Mann zusammen bin. Was nicht heisst, dass die Ehe falsch ist. Sie ist bloss nichts für mich. 

Wie verteilt ihr eure Aufgaben und Rollen im Alltag? 
Flexibel. Und oft gar nicht. Als eben Unternehmerin, Lebensgefährtin, Mutter - ah nein: als Mensch - ist oft alles sehr freestyle. Ich bin keine organisierte Person. Oder wohl besser: Ich bin ein Chaot. Und ich bin es wahnsinnig gerne. Mit mir ein Unternehmen und/oder eine Partnerschaft zu führen ist deswegen nicht immer ganz einfach. Obwohl ich aus der Kommunikationsbranche komme, kann ich - wenn es um mich selbst geht - nicht sehr gut kommunizieren. Ich bin Journalistin, was ich kann, sind Gedanken und Gefühle in Buchstaben auszudrücken. Diese aktiv zu formulieren ist aber nicht meine Stärke. Dazu kommt, dass ich kein wahnsinnig guter Teamplayer bin. Ich gebe alles, immer, für jeden. Gehe dabei aber oft meine eigenen Wege. Christian ist zum Glück anders. Er ist bei uns der Denker und Lenker. Ohne ihn würde ich nicht Schiffbruch erleiden, ich wäre aber in viel zu vielen Schiffen unterwegs.

Nach der Geburt deiner Tochter hast du es gewagt – den Schritt in die Selbstständigkeit. Wie kommt es? 
Ich war nie die Person, die gemacht war für ein Angestelltenverhältnis. Ich bin nicht gemacht für einen Prozentstelle. Sei dies 100 oder 40 - ich gebe immer das Maximum. Dieses in Stunden auszudrücken, erachte ich für unwichtig und sinnlos. Den Schritt in die Selbstständigkeit war deswegen wohl nur logisch. 

Mit Tadah setzt ihr euch für Vereinbarkeit ein – warum? Weil sich alles darum dreht - unser ganzes Leben. Und dies im Übrigen völlig unabhängig davon, ob wir Kinder haben oder nicht. Vereinbarkeit ist in unseren Köpfen oft gekoppelt an Beruf und/oder Familie. Aber das ist falsch. Denn ein jeder Mensch hat Vereinbarkeits-Issues. Sei dies, weil er sich um seine Eltern kümmern muss, weil er Hobbies hat, sich ehrenamtlich engagiert, sich weiterbildet oder er eben Kinder hat. Das Unwort per se ist für mich die Work-Life Balance. Ein Prinzip, das nicht aufgeht. Erstens impliziert es, dass unsere Arbeit nicht unser Leben ist - obwohl sie doch einen sehr grossen Teil davon in Anspruch nimmt. Zweitens suggeriert es, dass es möglich ist, ein Gleichgewicht zwischen Beruf- und Privatleben zu haben. Daran scheitern wir aber - alle, täglich. Bei Tadah vertreten wir die Meinung, dass wir nicht an der Balance arbeiten sollten, sondern an der Integration. Wie schaffen wir es also, alle Bereiche unseres Lebens - zu denen eben auch unsere Arbeit gehört - so zu vereinen oder zu kombinieren, dass wir glücklich sind? Als Eltern haben wir automatisch eine neue Ebene in Sachen Vereinbarkeit. Denn ja, Kinder zu haben in einem Land, in dem die Kinderbetreuung teuer und unflexibel ist, ist nicht einfach. Wir haben mit Tadah entschieden: Wir hören auf uns zu beschweren, wir ändern etwas. Wir haben im Oktober 2019 den schweizweit ersten Coworking Space mit Kinderbetreuung eröffnet mit dem Ziel Vereinbarkeit von Beruf und Familie einfacher zu machen. Mit einer realen, flexiblen und professionellen Lösung. Die Vision ist aber - wie gesagt - weit grösser: Wir möchten die Schweiz vereinbarkeitsfreundlicher machen.

Du selbst hast schon recht bald nach der Geburt deiner Tochter Malou wieder zu arbeiten begonnen. Warum? 
Weil ich schlicht zu viel Geld und Zeit in meine Ausbildung und Karriere investiert habe, um nicht mehr zu arbeiten “nur”, weil ich Mutter bin. Und weil ich meine Arbeit immer geliebt habe. Ich habe das grosse Glück, dass ich nie eine Stelle hatte, bei der ich am Morgen dachte: Oh mein Gott, nein! Schon wieder arbeiten. Meine Arbeit hat mich - ok, vielleicht abgesehen von meinem Studi-Job im Call Center - immer sehr erfüllt und glücklich gemacht. 

Wo siehst du heute, zwei Jahre nach der Gründung, noch die grössten Herausforderungen? 
Tatsächlich auch in der Vereinbarkeit. Mein Tag hat schlicht zu wenig Stunden. Ich will zu viel - und das wirklich täglich. Und ich schaffe es nicht, mir weniger vorzunehmen oder mal zu einem Projekt nein zu sagen, dass an mich herangetragen wird. 

Als Unternehmerin, die sich stark für alternative Jobmodelle engagiert weisst du, dass oftmals Frauen unter einer Vorsorgelücke leiden. Was würdest du Eltern raten? 
Die Vorsorgelücke… Können wir über etwas anderes sprechen? Denn das ist eines der Themen, die ich ganz aktiv verdränge. Denn auch wenn ich nie aufgehört habe zu arbeiten, so bin ich hier wirklich nicht gut aufgestellt. 

Wieso, wie habt ihr eure Vorsorge geplant? 
Ich: gar nicht. Ich denke mir seit Jahren, dass ich ja noch jung bin und das Zeit hat. Nun bin ich 37 und weiss, ich müsste dringend. Aber ganz ehrlich: Ich kann gar nicht. Mit der Gründung meines eigenen Unternehmens bin ich lohnmässig einen grossen Schritt zurück gegeangen - da liegt Vorsorge schlicht nicht drin. 

Habt ihr, als nicht verheiratetes Paar mit Kind, euch bezüglich Vorsorge Gedanken gemacht?
Auch hier: ja, hat er. Christian ist viel besser aufgestellt als ich. Er hat eine Todesfallversicherung, eine dritte Säule... Ich lebe in den Tag hinein. Versuche, mein Unternehmen erfolgreich zu machen und hoffe, dass ich daraus mal meine Vorsorge finanzieren kann. Ob es naiv ist? Mit jeder Garantie. Ob es mir Angst macht? Nein. 

Warum nicht? 
Weil ich nur einmal lebe? Weil es schon irgendwie gut kommt? Ich weiss es nicht. Ob ich es bereuen werde? Nein. So bin ich einfach nicht. 

Über Sarah Steiner

Sarah ist studierte Journalistin und hat über 15 Jahre Erfahrung in Kommunikation und Marketing. Seit sechs Jahren weiss sie, dass es trotz aller Erfahrung, Kompetenzen und Ehrgeiz nicht einfach ist, den Spagat zwischen Kind und Karriere zu machen. 

Vor zwei Jahren hat sie entschieden, dass es nicht für immer so sein muss - und hat sich selbstständig gemacht: Sie hat einen Coworking Space mit Kinderbetreuung gegründet: „Tadah“.

Hier ein Beispiel einer ihrer wortstarken Reden zum Thema an: Vereinbarkeit jetzt!